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05.03.2024

Print hat sehr loyale Fans

31.12.2023
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Kostensteigerungen, Per­sonal­mangel und ein Rückgang der Printauflagen stellen die Zeitungszustellung vor große Herausforderungen. Dass die Verlagslogistik dem mit großem Ideenreichtum begegnet, zeigte die BDZV Konferenz Verlagslogistik am 30. November in Würzburg. Denn: Print hat sehr loyale Fans.
Unter der fachkundigen Moderation von Christian Eggert, Leiter Verlagswirtschaft des BDZV, teilten die Logistikexperten aus den Verlagen ihre Erkenntnisse und Lösungsansätze. Denn allen Schwierigkeiten zum Trotz bleibt es erklärtes Ziel und wirtschaftliche Notwendigkeit für die Verlage, Abonnenten die gedruckte Zeitung auch künftig zuverlässig auszuliefern. 
Die zahlreichen Erfahrungsberichte von der „Zustellbasis“ machten deutlich: Print hat viele loyale Fans. Ein Verzicht auf ihr gedrucktes Exemplar ist für viele Menschen undenkbar – und für die Verlage bleiben die Vertriebserlöse aus Print essentiell, um parallel die Transformation ins Digitale zu stemmen.
Das betonte Dr. Volker Breid, Geschäftsführer der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, gleich zum Auftakt der Konferenz: „Mindestens bis 2030 bleibt Print das Rückgrat. Oder, um es mit der Fußballsprache zu sagen: Print ist das defensive Mittelfeld, ohne das man kein Spiel gewinnen kann.“ Aber die Anforderungen wandeln sich. Bestimmte früher die Aktualität die Logistik, müsse man sich heute als Verlag stärker auf die Bedürfnisse und Anforderungen der Logistik einstellen. Eine gut funktionierende Logistik „ist für unser Geschäft dramatisch wichtig“, so Breid. 
Michael Kiesswetter, Organisations- und Changeberater aus Düsseldorf, hob die Bedeutung von Resilienz für eine zukunftsfähige Logistik hervor. Die Organisation der Zeitungszustellung müsse anpassungs- und wandlungsfähig bleiben. Wenn alte, gewohnte Strukturen nicht mehr funktionieren, brauche es veränderte, die besser zu den neuen Rahmenbedingungen passen. Einer der wichtigsten Faktoren für gelingende Veränderung sei dabei, so Kiesswetter, der Faktor Mensch: „Ziel muss es sein, die Menschen mitzunehmen.“
Was Anpassungsfähigkeit in der Logistik konkret bedeutet, zeigten anschließend Adrian Schimpf, Konzerngeschäftsführer der Madsack Mediengruppe, Hannover, und Knut Beyme, Leitung Konzernlogistik bei Madsack, am Pilotprojekt OneRoute. Madsack ist einer der größten Briefdienstleister in Deutschland. Und: Die Verbreitungsgebiete der Regionalzeitungen des Medienunternehmens sind deckungsgleich mit den verlagseigenen Brieflogistik-Organisationen. Warum also nicht die eigenen Postunternehmen dafür nutzen, um das Kerngeschäft Tageszeitung zu stützen?
Die Zustellung der Zeitung könne nur profitabel bleiben, wenn die Logistik statt wie bisher mit einem hohen Fixkostenanteil künftig mit variablen Kosten arbeite, so Schimpf. Genau darauf zielt das Projekt OneRoute ab: die TZ-Zustellkosten zu variabilisieren. Das gelingt, indem die Postzustellung zum führenden System und die Zeitung zum Kunden der verlagseigenen Post wird – sie nimmt die Tageszeitung zum Stückpreis auf ihrer Route mit. Zwar sei damit die 6-Uhr-Zustellung nicht mehr überall zu schaffen. Eine Zustellung bis spätestens 9 Uhr bleibe aber das Ziel. Wichtig sei eine intensive Begleitkommunikation und Überzeugungsarbeit in Richtung Abonnenten. Die bisherigen Ergebnisse seien sehr positiv und die Einspareffekte vielversprechend, so Schimpf.
Antonia Niederprüm vom Wissenschaftlichen Institut für Infrastruktur und Kommunikationsdienste beleuchtete die Rahmenbedingungen, den Wettbewerb und den Ausblick im Briefmarkt. Sie betonte die Notwendigkeit von erfolgreichen Kooperationen und eigenständigen Zustellmodellen als Antwort auf den strukturellen Nachfragerückgang und steigende Kosten.
Sascha Hoffmann, Geschäftsführer der Logistikgesellschaften NOZ Medien, Osnabrück, erläuterte die Rolle von Großdepots im Zustellprozess. Der Aufbau einer eigenständigen regionalen Zustelllogistik sei ein perspektivreiches Geschäftsmodell und eine Verbundlogistik eine langfristig günstigere und effizientere Alternative als ein „weiter so“ in der klassischen Medienlogistik. Denn, so Hoffmann, „die Herausforderungen sind für uns alle die gleichen“.
Welche Chancen sich durch neue Technologien, insbesondere Künstliche Intelligenz (KI), für die Logistik eröffnen, war Thema von Consultant & Trainer Johannes Norrenbrock. 
Jan Fitzner, Geschäftsführer Druck und Logistik der Nordwest-Zeitung Verlagsgesellschaft, präsentierte den Weg der Oldenburger in die Zukunft der Zeitungszustellung in Zeiten von Digitalgeschäft und KI. 
Fachkräftemangel und Unwirtschaftlichkeit bringen die nächtliche Zeitungszustellung an ihre Grenzen, so Fitzner. Die Erwartungshaltung beim Kunden, dass morgens um sechs Uhr die Zeitung im Kasten steckt, könne daher nicht mehr überall erfüllt werden. Früh- und Vormittagszustellung, Abholboxen und die Umstellung auf E-Paper würden daher als Alternativen getestet. Das bedeute auch, Gewohnheiten beim Kunden zu ändern und auszutesten, welchen Weg Abonnenten bereit sind mitzugehen. Was aber unzweifelhaft ist, so Fitzner: „Die Zeitung aus Papier hat da draußen echte Fans mit sehr großer Loyalität für Print. Wir haben eine Markenstärke, nach der sich manch Unternehmen sehnen würde.“ Diese treue Kundschaft dürfe man als Medienunternehmen nicht aufs Spiel setzen. 
Richtungsweisende Praxisbeispiele aus der Logistik und den Nutzen von geteiltem Wissen präsentierte abschließend Markus Bohl und lud die Verlage ein, am gemeinsamen Benchmarking-Projekt teilzunehmen. Die Ergebnisse zeigten Optimierungspotenziale bei Zustellbezirken und Tourenplanung, von denen alle Beteiligten profitierten.
Verlagslogistik als Garant der Transformation? Mit einer Podiumsdiskussion mit allen verantwortlichen Verlagsbeteiligten endete die Veranstaltung, bei der die hohe Motivation, die Printzustellung durch mehr Effizienz und kreative Lösiungen auch künftig wirtschaftlich zu ermöglichen, besonders spürbar wurde. SWMH-Logistikleiter Jürgen Baldewein, Chefredakteur Benjamin Piel vom Mindener Tageblatt und Joachim Schniepp, Leitung Marketing + Vertrieb vom  Zeitungsverlag Waiblingen betonten: „Wir sitzen alle in einem Boot und wir haben eine sehr treue Kundschaft“. Daher gelte es, die gedruckte Zeitung noch über Jahre hinweg anzubieten und auszuliefern. „Zukunft braucht Ausdauer – wir haben sie.“

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