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24.09.2017

Die digitale Parallel-Gesellschaft

22.09.2017
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In China und den USA ist unverhohlene Genugtuung zu bemerken, dass der (ehemalige?) Export-Weltmeister nicht nur bei Autos als deutsche Vorzeige- und Schlüsselindustrie, sondern auch bei der Digitalstrategie Gefahr läuft, den Anschluss an den Weltmarkt zu verpassen.
Bei der Glasfaservernetzung der Haushalte ist Deutschland mit 1,6 Prozent Durchdringung von 28 erfassten Ländern in Europa auf Platz 27 und 2016 erstmals über die Messbarkeitsgrenze gelangt. Der EU-Durchschnitt liegt bei 9,4 Prozent. Von den größeren Ländern liegen Schweden und Russland mit deutlich über einem Drittel Glasfaserhaushalte vorn. Rumänien liegt bei 31,7 Prozent, Bulgarien bei 26,5 Prozent. Viele andere Länder haben ein zehnfach, zwanzigfach und sogar dreißigfach höheren Anteil an Glasfaseranschlüssen als Deutschland. Nur Österreich ist derzeit noch schlechter versorgt.
Deutschland ist, was das Internet angeht, ein Land der zwei Geschwindigkeiten. In den Großstädten locken die Anbieter  sich gegenseitig mit Highspeed-Tarifen die Kunden ab. Manche zahlen beim Abschluss eines neuen Vertrages sogar ein Begrüßungsgeld. Doch je ländlicher Deutschland wird, desto mehr befindet man sich auch digital in der Provinz. Die digitalen Vorreiter entwickeln mit digitalen Technologien bereits ihre Geschäftsmodelle weiter und erschließen sich so neue Kunden und Märkte. Wesentliche Bausteine der digitalen Transformation sind Informations- und Kommunikationstechnologien wie Cloud Computing, Big Data oder das Internet der Dinge. Bei diesen Unternehmen werden die Vorteile der Digitalisierung in der Praxis erfolgreich genutzt.
- Verbessern der Beziehung zum Kunden.
-  Ankurbeln der Produktivität im Unternehmen.
- Schaffen einer Grundlage für neue digitale Angebote und Geschäftsmodelle.
- Bereitstellung einer zukunftssicheren Basis mit IT-, Informationssicherheit und Datenschutz für alle Prozesse.
Die führende Rolle als Wirtschaftsstandortes Deutschland war in der Vergangenheit durch permanente Investitionen in die Infrastruktur begründet. Dadurch wurden flächendeckend exzellente Rahmenbedingungen für die Wirtschaft geschaffen.
Heute kann das Netz nicht leisten, was den Kunden versprochen wird. Wer sein Taxi via Smartphone bezahlen will, muss den Fahrer am Ende der Fahrt bitten, erst einen Fleck aufsuchen, an dem eine Netzverbindung besteht. Im ICE ist der von der Deutschen Bahn garantierte Internetzugang in dünner besiedelten Landstrichen nicht möglich. Selbst an Flughäfen sind die Netze überlastet, wenn nach einem Flugausfall 150 verhinderte Fluggäste zur gleichen Zeit ihr Handy benutzen.
Für den Wirtschaftsstandort Deutschland sind das schlechte Nachrichten. Das mobile Internet wird noch wichtiger werden; daher muss es auch überall verfügbar sein.
Selbstfahrende  Autos müssen Informationen in Echtzeit empfangen und senden können. Herzschrittmacher oder Parkplatzsensoren müssen Daten versenden können. Drohnen, die Pakete transportieren, verschicken eine große Datenmenge. Datenbrillen, die die Servicetechniker von Ferag oder Müller-Martini beim Vor-Ort-Einsatz ihrer Kunden benutzen, benötigen einen raschen, störungsfreien Datenempfang.

Super-Vectoring-Technik für schnellere Kupfernetzwerke
Das Glasfaserkabel ist dem Kupferkabel technisch haushoch überlegen. Es würde jedoch Milliarden kosten, Kupfer durch Glasfaser zu ersetzen. Nun plant die Telekom das betagte Netz mit Vectoring-Technik aufzurüsten. Mit dieser Technik seien heute schon 100 Megabit pro Sekunde möglich. Das ab 2018 geplante Super-Vectoring sollen sogar 250 Megabit pro Sekunde möglich werden. Nutzer berichten dagegen von einer erhöhten Störanfälligkeit der getunten Kupferkabel und von schwankenden Geschwindigkeiten.
Das schnellere Vectoring ist ohnehin nur für die letzten Meter der Kupferleitung, hinein in die Haushalte, geeignet. Auf den großen Strecken werden Glasfaserkabel benötigt. Deren Ausbau verläuft sehr schleppend. Auf Grund von Bauvorschriften kostet hierzulande das Verlegen von einem Kilometer Kabel rund 60.000 €. Das ist im Vergleich zu Südkorea oder den USA etwa 4x so teuer, da Breitbandleitungen auch oberirdisch verlegt werden können.
Die Geschwindigkeit ist aber nicht das einzige Problem. Die LTE-Geschwindigkeit reicht für die meisten Anwendungen der Wirtschaft aus.  Viel wichtiger ist die Reaktionsgeschwindigkeit des Netzes, Latenz genannt. Eine Verzögerung von 100 Millisekunden wird beim Abruf eines Dokuments kaum wahrgenommen. Bekommt aber ein autonom fahrendes Auto einen Bremsbefehl mit Verzögerung gesendet, besteht höchste Unfallgefahr.

Neuer Mobilfunk-Standard 5G
Beim neuen Mobilfunkstandard 5G werden Signale nahezu in Echtzeit übertragen. Dann wird es auch möglich werden, in mehreren virtuellen Netzwerken Daten zu übertragen. Derzeit teilen sich alle Geräte ein LTE-Signal. Künftig sind Teilbereiche möglich, etwa ein Kanal nur für sicherheitsrelevante Informationen. Wenn Kinder im Auto eines selbstfahrenden Autos Videospiele laden, nutzen sie einen anderen Netzbereich als Sensoren Daten zur Verkehrsumgebung empfangen.
In Europa wird der neue Netzstandard Investitionen von rund 500 Milliarden € bedingen. Obwohl unstrittig ist, dass der 5G-Ausbau rasch kommen muss, ringen die Europäer noch um einen gemeinsamen Standard dafür.
Auf dem Prüfstand: Deutsche Bildungspolitik
Am Beginn der Anpassung an das rasende Tempo der Digitalisierung sollte ein reformiertes Bildungswesen stehen. Das föderal geprägte deutsche Bildungskonzept, bei dem jedes einzelne Bundesland seine eigenen Standards festlegt, hat dazu geführt, dass ein Abitur in Bayern, Baden-Württemberg oder Sachsen einen Weltklasse-Standard bietet. Ein Bremer Abitur-Zeugnis dagegen gilt als drittklassig. Ein nahezu unglaublicher Zustand, wenn Deutschland sich in Zeiten der Globalisierung nicht selbst aufgeben will.
Der Bund sollte endlich in eine nach internationalen Maßstäben konkurrenzfähige Bildungspolitik investieren dürfen. Dass nach dem Grundgesetz Bildung eine reine Ländersache ist, ist angesichts verrotteter Schulden, einer Vielzahl ausfallender Unterrichtsstunden nicht nachvollziehbar.
Über eine einheitliche Schulpolitik wird wohl mindestens so lange von verkrustet denkenden Beamten referiert, diskutiert und dilettiert werden wie bei der nachhaltig verunglückten deutschen „Rechtschreib-Reform“. Also erneut Jahrzehnte Stillstand durch bürokratische Sturheit?
Zudem vernachlässigt die schulische Bildung die Vermittlung von Medien- und Nachrichtenkompetenz: Lehrpläne greifen die Medienrealität der Schüler kaum auf, Schulbücher hinken dem Medienverhalten der Jugendlichen hinterher, künftige Lehrerinnen und Lehrer erwerben in ihrem Studium wenig Nachrichtenkompetenz und befassen sich wissenschaftlich weder mit Journalismus in digitalen Medien, noch mit den allgegenwärtigen sozialen Netzwerken. Zu diesen Befunden kommt die Studie „Nachrichtenkompetenz durch die Schule“ der TU Dresden im Auftrag der Stiftervereinigung der Presse.

Schüler bevorzugen Social Media als Informationsquelle
Die Kommunikationswissenschaftler Lutz M. Hagen, Anja Obermüller und Rebecca Renatus untersuchen hier die Voraussetzungen für eine medien- und nachrichtenkompetente Schulbildung, bei der es darum geht, journalistische Inhalte zu verstehen, kritisch zu beurteilen und effektiv zu nutzen. Dazu analysierten die Forscher die Vorgaben der Kultusministerkonferenz, die Lehrpläne aller Bundesländer, die einschlägigen Schulbücher sowie Studienordnungen für das Lehramtsstudium. Ergänzend befragten sie künftige Lehrer zu ihren medienpädagogischen Kompetenzen.
Auslöser für dieses umfangreiche Forschungsprojekt waren wissenschaftliche Befunde, wonach eine zunehmende Anzahl von Schülern sich ausschließlich in sozialen Netzwerken über Politik informiert, ohne zu unterscheiden, ob die Informationen von einem professionellen Medienhaus stammen oder von einer PR-Agentur, ob es sich um einen Blog oder einen Social Bot handelt.
Die Stiftervereinigung der Presse ist ein Zusammenschluss von Verlegern, Wissenschaftlern und Journalisten und fördert praxisorientierte Forschungsarbeiten über Medien und Presse. Ihr gehören über 40 Verlage und Verbände an.

2-Klassen-Bildung
Während an der Bildungs-Basis der Grundschulen und Gymnasien länderspezifisch große Qualitätsunterschiede bestehen, nehmen deutsche Universitäten beispielsweise bei den MINT-Fächern (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften oder Technik) im internationalen Vergleich Spitzenplätze ein.
2015 hatten 37 Prozent der deutschen Hochschulabsolventen ihr Studium in diesen Fächern absolviert. Das war der höchste Anteil im OECD-Vergleich. Die Anzahl der Studienanfänger wuchs in Deutschland zwischen 2005 und 2015 von 43% auf 63%. Nirgendwo sonst war diese Anteil so hoch wie in Deutschland.
Leider ist aber auch ein Trend bei hochqualifizierten jungen Menschen zur Auswanderung feststellbar. Ohne ein bestausgebautes Internet und dessen enorme Chancen könnte sich dieser Trend noch weiter verstärken.
-karma-

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